Der kleine blaue Schmetterling lernt die Angst kennen

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Roland Rettke

Der kleine blaue Schmetterling – wer ist das?
Dieser kleine, und sehr neugierige Schmetterling wohnt in der „Goldenen Aue“. Einem ganz besonders schönen Flecken Erde. Und dort trifft er die verschiedensten Wesenheiten und macht aussergewöhnliche Erfahrungen.

Es war schon später Nachmittag in der Goldenen Aue. Die Sonne malte schon lange und grosse Schatten von den Bäumen, Blumen und Felsen in´s Tal. Unser kleiner, blauer Schmetterling sass auf seinem grossen Lieblings-Felsen und genoss die schöne Aussicht.

Da hörte er unter sich ein – fast trauriges –
Gebrabbel.

„Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht, warum sieht mich keiner an. So hässlich bin ich nun auch nicht. Ich will doch auch nur hilfreich sein. Warum sieht mich denn keiner an….?“

Als der Schmetterling hinunter blickte, sah er dort unten direkt am Felsen ein kleines Wesen. Vielleicht so 30 cm gross. Mit zerzaustem Pelz und mit spitzen Ohren. Die  – eigentlich recht lustig – in die Höhe standen.

„Was brabbelst du denn da so rum, – und wer bist du überhaupt ?“, legte unser kleiner Freund neugierig los. Der kleine Kerl unten am Felsen blickte erstaunt hoch und schien ganz überrascht, dass ihn da jemand SO DIREKT ansprach.

„Ich…, ich… traue mich fast gar nicht zu sagen, wer ich bin. Sonst schaust du bestimmt sofort wieder weg.“ antwortete er etwas zaghaft. „Quatsch“, sagte der kleine, blaue Schmetterling,“ so hässlich oder gefährlich siehst du ja nicht aus.“ Und fügte noch hinzu. „Du bist zwar keine Schönheit, aber warum sollte ich dich nicht ansehen?“

„Nun, ich… ich…“, stotterte der kleine unter ihm verlegen,“ ich bin die Angst. Roland RettkeUnd jedesmal, wenn ich mich bei den Menschen zeige, dann schauen sie weg. Sehen mich nie DIREKT an. Und das ist für mich gar nicht schön. Stell dir mal vor, niemand würde dich ansehen. Keiner wollte dich haben…“

„Komm erst mal zu mir hoch“, rief der kleine Schmetterling, „dann brauchen wir nicht so laut zu rufen.“

Die Angst kletterte den Felsen hoch. Und stand kurze Zeit später neben dem Schmetterling. Auch von Nahem betrachtet konnte der aber nicht erkennen, warum die Menschen die Angst nicht direkt ansahen.

Wie gesagt, sie war zwar keine Schönheit, aber soooooo schrecklich war sie nun auch nicht. Klar – mit ihren 30 cm  – war sie viel grösser, wie der kleine, blaue Schmetterling.

Aber – im Vergleich zu den Menschen – war sie ja eher winzig klein. „Versteh ich nicht,“ meinte er, „warum dich keiner DIREKT ansieht“. Die Angst holte tief Luft und erklärte es ihm: „Ja, das Problem ist mein SCHATTEN.

Wenn die Menschen MEINEN SCHATTEN sehen, dann erschrecken sie sich dermassen, dass sie mich gar nicht mehr direkt ansehen können. Wenden sich sofort von mir ab. Sind dann nur noch auf meinen riesigen Schatten fixiert.

Und trauen sich dann gar nicht mehr, mich DIREKT anzusehen.

„Weil sie einfach – vor lauter Schreck – ihre Aufmerksamkeit nicht mehr von meinem Schatten lösen können. Und meinen mit der Zeit, ich wäre mein Schatten. Setzen das einfach gleich…“

Der kleine, blaue Schmetterling sah am Felsen herunter, wohin der Schatten der Angst von hier oben hinfiel. Bisher hatte er – wegen dem interessanten Gespräch – da noch gar nicht drauf geachtet.

Er zuckte erschrocken zurück, – wäre fast von seinem Lieblings-Felsen gefallen. Ein scheinbar riesiges Ungeheuer schien dort unten zu lauern. Still, regungslos, abwartend. Und SCHEINbar sehr gefährlich …

Das zerzauste Fell der kleinen Angst wirkte im Schatten, wie unzählige spitze, abweisende und grosse Verletzungsgefahr beinhaltende Stacheln. Und die spitzen Ohren der Angst wirkten in ihrem Schatten, wie gefährliche, – vielleicht sogar todbringende Hörner.

„Oh, Mann „, platzte es aus dem Schmetterling heraus, „jetzt wäre ich vor lauter Schreck fast vom Felsen gefallen. Kein Wunder, dass die Menschen, wie gebannt auf deinen Schatten starren und sich davon gar nicht lösen können. Sieht ja echt gefährlich aus, dein SCHATTEN.“

„Ja, aber wenn sie mich DIREKT ansehen würden, dann könnten sie doch sofort sehen, dass ich eigentlich gar nicht so gross und gefährlich bin. Sondern, dass das eben mein Schatten ist.“ Die Angst seufzte und fuhr fort:

Und ich würde dann endlich mal beachtet …

Denn es ist für mich ganz schlimm, wenn ich nicht beachtet werde. Mich keiner haben will. Sofort jeder weg sieht, mich ablehnt und so schnell, wie möglich, loswerden will.

Vielleicht kennst du das ja. Und dann mache ich mich vor lauter Verzweifelung stärker bemerkbar. Was passiert ?

Wieder starren sie nur auf meinen riesigen und gefährlich SCHEINENDEN Schatten. Und das gleiche Spiel geht von vorne los. Ich wäre so froh, wenn mich die Menschen mal DIREKT ansehen, mich beachten würden. Mich nicht nur immer möglichst schnell wieder loswerden wollen.“

Die Angst tat dem kleinen, blauen Schmetterling irgendwie richtig leid. Ein schlimmes Schicksal, von niemandem beachtet zu werden. Von niemandem gewollt zu werden.

Er schaute die Angst direkt an und sagte in einem tröstenden Tonfall: „Nun, an deinem Schatten können wir wohl nichts ändern. Doch ich kann dir einen Vorschlag machen: Ich kenne dich ja jetzt. Weiss, dass du gar nicht so gefährlich bist, wie es wegen deinem Schatten im ersten Moment erscheint.

Also, wenn du mal wieder beachtet werden willst, dann kommst du einfach zu mir hier auf den Felsen. Ich sehe dich ja direkt an. Warum auch nicht ? Und wir können dann ein wenig plaudern.

Was hältst du davon ?“

Die Angst schaute ihn mit grossen Augen an. „DAS wäre schön,“ sagte sie, „endlich beachtet zu werden. Ja, das machen wir. Wenn ich mal wieder ganz traurig bin, weil ich wegen meinem Schatten nicht beachtet werde, dann komme ich einfach hier zu dir. Du weisst gar nicht, wie froh du mich mit deinem Angebot machst. ENDLICH BEACHTET. Danke !“.

Der kleine, blaue Schmetterling wusste zwar gar nicht, was so besonderes daran war, jemandem volle Beachtung zu schenken. Auch der Angst. Aber, das brauchte er ja auch nicht zu wissen. Er nahm es einfach hin, dieser kleinen Angst damit wohl eine Freude zu machen.

Mittlerweile war die Sonne fast untergegangen. Der riesige Schatten der Angst war schon nahezu vollständig verschwunden. Und neben dem kleinen, blauen Schmetterling auf dem Felsen sass ein kleine, glückliche und endlich beachtete Angst …

Text und Copyright by Roland Rettke 2014

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